Der Schindelmacher: Holzschindeln für Fassaden und Dächer

Ernst Karle ist der Mann für schöne Schindeln. Der Schwarzwälder bewahrt das Handwerk des Schindelmachers und fertigt traditionelle Holzschindeln für Häuser.


Mit Spaltaxt und Holzhammer

Vor der Eingangstür des Schwarzwaldhauses im kleinen Muggenbrunn stapeln sich die Schindeln wie Kaminholz. Eine jede davon ist das Werk von Ernst Karle. Mit spezieller Spaltaxt und Holzhammer hat er zuvor aus einem Baumstamm ein dickes, tortenähnliches Stück herausgeschlagen – der erste Schritt auf dem Weg zur echten Schwarzwälder Wetterschindel. 

Um diese Arbeit meistern zu können, bedarf es viel Sorgfalt bei der Holzauswahl. Der 57-Jährige sucht jeden Baum eigenhändig aus – bevorzugt an Nordosthängen auf etwa 1000 Meter Höhe. Das sind vom Wetter abgewandte Standorte, wo die Bäume ruhiger wachsen und dadurch die Jahresringe eng und das Holz fest sind. Unbrauchbar, so Karle, sind krumme Bäume mit vielen niedrigen Ästen. Auf die Suche macht er sich vor allem im Spätherbst oder zu Beginn des Winters. Zu dieser Jahreszeit enthalten die Stämme kaum mehr Wasser und Nährstoffe.


Aussterbendes Handwerk

Die Idee, Hausfassaden mit Schindeln zu verkleiden, hatten die Menschen bereits in der Antike. Das belegen archäologische Funde. Die älteste nachweisbare Schindel fand sich im schwäbischen Bad Buchau – eine gespaltene Eichenschindel etwa aus dem Jahre 950 vor Christus. Doch heute ist die Tradition vom Aussterben bedroht. Nach Karles Wissen ist er der einzige gemeldete Schindelmacher der Region.Andere Kollegen würden sich dem Handwerk nur noch als Hobby widmen. 

Mit seiner Firma im Todtnauer Stadtteil Muggenbrunn, etwa 25 Kilometer von Freiburg entfernt, hat sich Karle neben seinen normalen Dachdeckerarbeiten auf die traditionelle Herstellung von Holzschindelnspezialisiert. Die Fertigkeiten dafür erlernte er während seiner Ausbildung zum Dachdecker. Kurz vor Beginn der Lehre hatte er auf dem Dachboden die Schneidbank und das Werkzeug seines Großvaters gefunden – der Beginn seiner großen Leidenschaft.


Genauigkeit ist hier oberstes Gebot

Der alten Bank bedient sich Ernst Karle noch heute. „Schniedesel“ nennt er sie liebevoll, ein alemannischer Ausdruck für die Schnitzbank. Darauf sitzt Karle manchmal stundenlang, immer ein Stück Holz zwischen den Beinen, das er Schnitt für Schnitt in eine zehn Zentimeter breite und 25 bis 26 Zentimeter lange Schindel verwandelt. Dabei ist Genauigkeit oberstes Gebot. Denn die Schindeln müssen sich am Haus nicht nur oben und unten, sondern auch seitlich überlappen. 

Die Schindelverkleidung ist zwar teurer als Putz, soll aber länger halten und besser dämmen. Und deshalb sind viele Hochschwarzwäldler so begeistert von der Möglichkeit, ihre Häuser mit diesem stabilen Wetterkleid zu versehen oder bestehende Fassaden auszubessern, dass Karle mehr als genug zu tun hat. Nur bei Dachdeckungen hält er seine aus Fichtenholz handgefertigten Schindeln für unpassend. Dafür eignen sich mehr Alaska-Zeder oder Lärche. Die sind langlebiger – und natürlich ebenfalls von ihm lieferbar.


Bis zu 800 Schindeln an einem Tag

Mit seinem zweigriffigen Ziehmesser zieht Karle innerhalb weniger Sekunden jede Schindel zwei bis drei Mal pro Seite ab. Damit das Messer nicht abstumpft, schärft er es jede Stunde mindestens einmal. In dieser Zeit hat er etwa 100 Schindeln geschafft. Wichtig ist, dass jede davon mit einer schrägen Kante endet, dem sogenannten „Schnauz“. So kann das Regenwasser abfließen. 

Was einfach aussieht, ist eine ziemliche Herausforderung, denn den Kopf des „Schniedesels“, der die Schindel festhält, muss Karle mit dem Fuß runterdrücken. Dabei muss jeder Schnitt sitzen, darf nicht zu flach oder zu steil ausfallen, sonst entstehen ungewollte Kerben. Auf diese Weise schafft der Meister an seinen besten Tagen rund 800 Stück. Seine Arbeit endet jedoch nicht mit der Herstellung der Schindeln, er bringt nämlich jede einzelne auch am Haus an. Pro Jahr sind das an die 40.000 – und insgesamt wohl schon über eine halbe Million.


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