Selber ein Iglu bauen: Unser Autor hat es ausprobiert

Wie es ist, selbst ein Iglu zu bauen und darin zu übernachten: Unser Autor erzählt von einem ganz besonders coolen Abenteuer im Bregenzerwald. Das Protokoll eines Tages und einer Nacht im Schnee.


"Die wasserdichten Gummiklamotten werden uns trockenhalten. Von außen - innen wird der Schweiß rinnen."

- Fabian Zapatka, Autor und Fotograf


9 Uhr: Antreten zur Tour

Schlank, drahtig, schulterlanges Haar: Christoph Oberhauser erwartet uns an einem Parkplatz am Rand des österreichischen Ortes Damüls, eine Autostunde von Bregenz entfernt. Der Outdoor-Guide und Erlebnispädagoge wird mir und ein paar weiteren Unerschrockenen ein besonderes Abenteuer ermöglichen. Zusammen werden wir mit Schneeschuhen auf 1400 Meter Höhe laufen, dann an einer ausgewählten Stelle zwei Iglus bauen und darin die Nacht verbringen.

Unsere Ausrüstung steckt in fertig gepackten 80-Liter-Rucksäcken: Gummiunterlage, eine aufblasbare, sieben Zentimeter dicke Isomatte, ein wasserdichter Biwaksack und ein warmer Winterschlafsack. Obenauf liegt knallig orangefarbene Gummikleidung, komplett wasserdicht. Ich zwänge mich in die Klamotten, ziehe meine Snowboardstiefel wieder fest, schultere den Rucksack und binde die Schneeschuhe. Das Abenteuer kann beginnen.


11 Uhr: Schnee prüfen

Nach einer kurzen Wanderung haben wir den Platz für unsere Iglus erreicht. Christoph prüft sogleich den Schnee. Und wir denken: Es sollte doch genug vorhanden sein. Denn Damüls wirbt damit, das „schneereichste Dorf der Welt“ zu sein – mit einer Summe von im Mittel 9,30 Meter Neuschnee pro Jahr. Doch frischer Pulverschnee ist das Letzte, was wir jetzt brauchen. Für die Blöcke, aus denen wir unsere Iglus bauen, ist gepresster oder eingeblasener Schnee nötig.

Christoph nickt zufrieden und holt seine Lawinensonde heraus. Damit misst er jetzt die Tiefe des Schnees. Die ist wichtig für den unterirdischen Eingang des Iglus – und der wiederum entscheidend dafür, dass im Innern die Temperatur über null bleibt.

„In dem etwas tiefer liegenden Tunnel, den wir graben, sackt die Kälte später über den Kältegraben am Boden an der Innenseite des Iglus nach unten, und auf der Liegefläche habe ich konstant vier bis sechs Grad plus“, sagt Christoph und zieht die Sonde raus: „Zwei Meter, das passt!“


12 Uhr: Die Arbeit beginnt

Jetzt heißt es: keine Zeit mehr verlieren. Denn allzu lang wird uns die Sonne ihr Licht zum Arbeiten nicht schenken. Vier von uns häufen Schnee auf, um anschließend eine ebene Fläche festzutreten und so die Hanglage auszugleichen. Die anderen heben eine Art Steinbruch aus. Hier werden dann unsere Naturbausteine mit Holzsägen herausgeschnitten. Gut 20 Kilogramm ist so ein Schneeblock schwer, einen halben Meter lang, 30 Zentimeter breit und tief. Rund 80 davon werden wir pro Iglu brauchen.

Christoph bereitet derweil die Stellfläche vor. Wuchtig rammt er einen Skistock, an den er einen blauen Kletterstrick geknotet hat, in den platt getretenen Schnee. Nach 1,30 Metern macht er einen Knoten ins Seil und zieht einen Kreis. So wissen wir, wo wir in die Höhe mauern müssen. Bald schleppe ich Block für Block an seinen Platz.


16 Uhr: Nicht mehr viel Zeit

Die Sonne ist verschwunden. Wir müssen uns beeilen. Luzian, ein kompakter Schweizer mit einnehmendem Lächeln, wartet schon auf den nächsten Schneequader. Keuchend liefere ich ab. Sofort sägt er ihn unten gerade ab, spannt den Kletterstrick vom Skistock zum Schneeblock und schneidet den Brocken entlang der Kante perfekt zu.

Ohne Unterlass hat der gelernte Polier Block auf Block gesetzt. Es ist unglaublich, dass sie sich nach innen hängend aufeinandersetzen lassen. In Minutenschnelle sind die Blöcke festgefroren und fallen nicht herunter. Und endlich: Mit dem finalen Schneeblock schließt sich die Kuppel.


18 Uhr: Der Schreckmoment

Nun müssen wir uns nur noch unterirdisch ins Iglu hineingraben. Und das hat seine Tücken: Plötzlich finden meine Füße keinen Halt mehr. Gerade eben habe ich den Tunneleingang für das Iglu, der nur knapp über einem Abhang liegt, noch ein wenig breiter gemacht.

Doch als ich rückwärtskriechend abgeschlagene Schneebrocken mit der Schaufel aus der Schneehöhle nach draußen bugsieren will, rutsche ich auf dem vereisten Boden ab.

Der glatte Gummianzug, den wir tragen, tut sein Übriges. Ruckzuck geht es über die Kante und in die Tiefe. Ein paar Meter sause ich bergab. Mitten in ein Loch, in unsere Feuerstelle, die Gott sei Dank schon vorher in den Hang gegraben worden war. Meine Rettung.


19 Uhr: Geschichten am Lagerfeuer

An der Feuerstelle blubbert die Linsensuppe über der Flamme. „Gut habt ihr das heute hinbekommen“, sagt Christoph, der mit seiner Firma „bewegend“ auch noch andere individuelle Naturerlebnis-Touren anbietet. Wir blicken stolz in den Sternenhimmel, während unser Guide zu erzählen beginnt – von Notfällen durch Lawinengefahr, erfrorenen Wandergruppen und schneeblinden Bergführern.

Kurz nach zehn verabschiede ich mich und klettere ins Iglu. Bald darauf kommen auch die anderen in die nicht gerade warme, aber immerhin Plusgrade vorweisende Stube. Christoph dagegen wird heute Nacht draußen schlafen, bei zweistelligen Minustemperaturen.


2 Uhr: Eiskalter Schauer

Mich weckt bittere Kälte. Unter meiner Nase hat sich mein ganz persönlicher Permafrost gebildet, ich friere bis auf die Knochen. Gut, dass meine Kleidung im Schlafsack steckt. Wie ein Schlangenmensch winde ich mich in eine zweite Hose, verrenke mich, um in einen weiteren Pullover zu kommen.

Froh über die geglückte Ankleidung stoße ich mich dann doch noch an der eisigen Decke. Eis rieselt herunter, ein kleiner Fluch, der meine Iglu-Genossen glücklicherweise nicht weckt. Ihr stetiges Atmen wirkt beruhigend, irgendwann schlafe ich wieder ein.


7 Uhr: Zurück in die Zivilisation

Es ist diese absolute Ruhe, die mich aufwachen lässt. Leise schlüpfe ich aus dem Schlafsack, steige in meine Schuhe und krieche – natürlich ganz vorsichtig – durch den Tunnel ins Freie. Noch hat es die Sonne nicht über die Gipfel geschafft, doch der Horizont ist bereits strahlend gelb. Nach und nach kommen auch die anderen zum Vorschein, noch ein wenig eingefroren, aber glücklich und zufrieden, es einmal erlebt zu haben: eine Nacht im Iglu.

Gegen halb zehn machen wir uns wieder auf den Rückweg in die Zivilisation. Ich laufe ein paar Schritte, ehe ich anhalte und mich noch einmal umdrehe. Schon fast eins mit der Landschaft liegen sie da, zwei weiße Kuppeln, stabile Häuser aus Schnee, von unserer Hand gebaut. Hoffentlich werden sie noch eine Weile stehen bleiben, bevor sie dahinschmelzen.


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